Am Anfang steht der Bahnhof, Bargkoppelweg 66a und der Telegram Chat.

Ein Artikel über uns in der Zeitung „Bei uns in Hamburg“ PresseRu.EU: ”BUiH” (Zeitschrift), 2022 Jahr, № 5, Seite 6

„Am Anfang steht der Bahnhof, Bargkoppelweg 66a in Hamburg und der Telegram Chat. In der Ukraine zählt nebenbei erwähnt der Messenger-Dienst zu einen der populärsten des Landes, wie Whatsapp in Deutschland etwa.
Am Anfang waren es lediglich einzelne Personen, insbesondere diejenigen, die den ganzen Tag über schreckliche Nachrichten gelesen und den 24. Februar irgendwie überlebt hatten, begannen schon bald darauf, besser gesagt am zweiten und am dritten Tag darüber nachzudenken, was man machen könnte. In erster Linie – wie man denen hilft, die vor dem Krieg und den Bombenangriffen fliehen.
Die Geschichte trägt viele Gesichter und doch zählt nicht die Person selbst, sondern die Tat.
Jemand ist mit selbst gemachten, handgezeichneten Plakaten mit Hilfeangeboten zum Hamburger Bahnhof gelaufen.
Jemand hat angefangen, eine Unterkunft für die Vertriebenen zu suchen, ein anderer wiederrum Busse und Autos bis zur Grenze organisiert.
Jemand ist zu dem besagten Bargkoppelweg 66a gerast – zu dem gerade eröffneten Aufnahmezentrum für die Vertriebene.
Jemand hat einen Chat für ukrainische Vertriebene, die nach Hamburg reisen, gemacht… In gerade einmal zwei Monaten hat es 6500 Menschen erreicht und täglich flatterten über 1.000 Nachrichten herein. Am wichtigsten war jedoch, dass es in diesem Chat Antworten auf alle Fragen gab, welche die Menschen hatten, die in ein fremdes Land ohne Sprachkenntnisse gekommen waren.
In diesem Chat sind von morgens bis abends abwechselnd bis zu 27 Moderatoren im Dienst – sie beantworten jede Frage und in besonderen Fällen leiten sie diese an andere Freiwillige weiter, sodass die Vertriebenen auch personalisierte Hilfe erhalten können.
Jemand hat einen Infokanal mit ständig aktualisierten Informationen über die rechtlichen und häuslichen Fragen für die Vertriebene gemacht. Und sobald etwas Neues auftaucht, erscheint es auch auf dem Infokanal. Das ist wie ein Handbuch mit den immer aktuellsten Informationen. Mittlerweile gibt es über 9.000 Abonnenten dieses Kanals.
Jemand machte einen Chat für die Freiwilligen, die am Bahnhof im Dienst sind. Es gibt mehr als 400 Menschen, welche den Ukrainerinnen nach einem zermürbenden dreitägigen Weg halfen und dort begegneten. Sie verteilten Essen, Flugblätter mit Informationen, legten Übernachtungen fest und brachten sie zur Registrierung. Eine Woche später erschien der ASB (Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland eV.) am Bahnhof, und unsere Helfenden begannen ihnen zu helfen – mit Übersetzungen, Informationen – die Arbeit reichte für alle. Vom ersten Tag an tat man im ersten Anmeldezentrum am Barkoppelweg 66a im Dienst Folgendes: Wasser, Sandwiches verteilen, ein paar Stühle anbieten, Antworten auf Fragen. Ebenso konnte man Ähnliches in der Hammerstraße, wo sich diejenigen registrierten, die einen Wohnort hatten, vorfinden. Mit allen Kräften brachten man die Vertriebenen in den Wohnheimen unter, in denen sie noch etliche weitere Frage hatten. Schließlich ist ein Dach über dem Kopf noch nicht das Ende der Fahnenstange. Die Sozialarbeiterinnen, die für 2-3 Stunden am Tag im Wohnheime gebraucht wurden, hatten allerdings nicht immer alle Möglichkeiten allen Fragen Gehör zu schenken, da sie stets anderen halfen.
Jemand machte einen Chat für diejenigen, die die notwendigen Dinge sammelten: Duschpantoffeln, Arzneimittel, Windeln, Babypuder, Kinderwägen, Wasserkocher und SIM-Karten – die ersten, die ankamen, brauchten einfach alles!
Parallel dazu erschien ein Schwangerschafts-Chat (mit der Doula, ohne medizinische Ausbildung und der Hebamme, selbstredend mit der nötigen Ausbildung und medizinischen Kompetenz), der Chat zu allen medizinischen Fragen (dem mehrere Ärzte beitraten),
der Chat der Pflegestellen der Haustiere (mit ihnen war es nicht erlaubt in den Wohnheimen zu leben), der Chat für Übersetzer, der Chat mit denjenigen, die bereit waren mit der enormen Anfragen an anderweitiger Hilfegesuche zu helfen (etwaig von jemandem die Hand nehmen, ins Krankenhaus bringen und das Gespräch mit dem Arzt übersetzen), der Chat für Sport, der Chat für Seeleute, für Musiker, Studenten, für die Arbeit…
Es gab so viele Chats, dass es nicht mehr genug Zeit gab, die Nachrichten durchzulesen. Wir hoffen selbstverständlich wenn der Krieg vorbei ist, dass unsere Helfer und deren Helfer uns darüber informieren werden 🙂
Die COVID–19 Beschränkungen, der Datenschutz, die Vorschriften und die Anweisungen – wir verstießen gegen fast alles! Wir flehten die Menschen an, empörten uns, skandalisierten und befreundeten uns mit offiziellen staatlichen Organen, mit dem Schutz, klopften bei Politikern und gemeinnützigen Vereinen an, arbeiteten mit anderen Freiwilligen zusammen – aus anderen Städten, Ländern und Nationalitäten: Russen, Ukrainer, Deutsche, Polen…
Aus all diesen Gründen kann man definitiv festhalten: jeden Tag gab es etwas Interessantes!
Am 15. April um 12 Uhr bekamen wir dann urplötzlich folgende Nachricht:
„…Wir übernachten im Auto. Wir haben ein Haus gefunden und einen Vertrag unterschrieben, aber wir können erst am 1. Mai einziehen. Kann ich bis zu diesem Datum irgendwo wohnen?
Wir sind fünf Leute in Hamburg, vier Katzen, zwei Ratten und ein Kaninchen. Alle Haustiere sind kastriert.“
Die Freiwilligen und wir lachten letztlich darüber, dass es jetzt hier wohl auch bald einen kostenlosen Zoo geben wird…
Um 17:57 Uhr ist die Familie bis zum 1. Mai mit ihrem Kleintierzoo in einem schönen Haus für kurze Zeit eingezogen…
Eine andere spannende Geschichte ist die , wie wir Kinderwägen auftreiben mussten: wir brauchten einen Kinderwagen für eine Vertriebene und ihr zwei- oder dreijähriges Kind. Aufgrund des Zeitmangels stellten wir keine weiteren Fragen. Wir fanden den besagten Kinderwagen bei hilfsbereiten Deutschen, holten ihn ab, und brachten ihn vor Ort. Sie hat ein Kind im Alter von zwei Jahren, das andere Kind ist drei Jahre und ein weiteres Kind ist 5fünf Jahre alt.
Eines Tages kam der Moment, als es schwierig wurde zu erklären, wer wir sind, vor allem im Umgang mit staatlichen Strukturen. Wie immer lautete unser Motto und unsere Antwort auf Pauschalaussagen wie: „ohne offizielle Unterlagen bist du niemand“, nein, das stimmt nicht! Wir sind „eine Gruppe von 500 privaten russischsprachigen Freiwilligen…“. Wir mussten dringend eine private Freiwilligeninitiative in einer gemeinnützigen Organisation gründen. Wir sind ein Teil des Projekts Rockfront e.V. Wir bezeichneten uns als eigenständiges Projekt „Nordherz“- und wenn Sie einen Rettungsring sehen, das sind wir.
Nachdem wir irgendwie zählten (viele Freiwillige sind gleichzeitig in mehreren Chats aktiv), wollten wir wissen, wer unsere Freiwilligen eigentlich sind.
Die Hälfte von uns hat russische Pässe.
Für jemanden ist die Freiwilligentätigkeit die Antwort auf die Handlungen unseres Staates, dessen Bürger wir sind, für jemanden ist es ein persönlicher Beitrag zum Ende des Krieges, für jemanden ist es die Antwort auf sich selbst in der Zukunft über was er persönlich in diesen Tagen getan hat, welche in die Geschichtsbücher eingehen werden. Des Weiteren ist es unser Bedürfnis, Menschen zu helfen, die in Not geraten sind und ohne alles in ein fremdes Land flüchteten.
Trotz anonymer Drohungen von Kritikern, fehlender Privatsphäre und bröckelnden Karrieren, gaben und geben wir unsere Ferien, Freizeit und auch einen Teil unserer Arbeitszeit für die Freiwilligenarbeit auf. WIR TUN, WAS WIR JETZT TUN MÜSSEN.
Sagt man, dass der Frühling nach Hamburg kam? Und wir haben jeden Tag kleine Freude… Auch wenn du heute nur einer Person helfen konntest… wird dieser Tag nicht umsonst gelebt werden.“
@ninaHamburg

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